Was passiert so in meiner Welt?

03.01.2026

Neujahr: Wenn der Himmel knallt und bei uns der Ernst beginnt

Frohes neues Jahr.

Während viele gerade noch die letzten Wunderkerzenreste vom Balkon fegen und der Rauch langsam aus den Straßen zieht, sitze ich gedanklich schon wieder bei der Arbeit: in der Anästhesie und im OP. Für manche war es ein spektakuläres Feuerwerk. Für andere war es der Moment, in dem der Jahreswechsel nicht mehr nach „Prost“ klang, sondern nach Sirene.

Ich sehe nicht die Raketen – ich sehe die Folgen. Verbrennungen an Händen und im Gesicht, Knalltraumata, verletzte Augen, zerfetzte Finger oder Hände. Menschen, die „nur kurz“ etwas ausprobiert haben. Menschen, die danebenstanden. Jugendliche, die dachten, sie hätten alles im Griff. Und Familien, deren Neujahr in einem Augenblick kippt – vom Feiern in Schock, vom Wohnzimmer in die Notaufnahme.

In der Anästhesie heißt das: schnell handeln, Schmerzen kontrollieren, Atemwege sichern, OPs vorbereiten, beruhigen, erklären, da sein. Bei schweren Verbrennungen zählt jede Minute – nicht nur medizinisch, sondern auch menschlich. Denn hinter jeder Verletzung steckt eine Geschichte: Angst, Schuld, Tränen, die Frage „Warum?“. Und oft bleibt am Ende nicht nur eine Narbe auf der Haut, sondern auch eine im Kopf.

Darum ist die Debatte um ein Böllerverbot für mich keine abstrakte Frage nach Tradition oder „Spaßbremse“. Es ist eine Frage von Verantwortung – und von Prävention. Von Entlastung für Rettungsdienst, Notaufnahmen, OP-Teams und Intensivstationen. Und vor allem: von Schutz für die, die diese Nacht nicht freiwillig riskieren – Kinder, Passant_innen, Einsatzkräfte, Menschen mit Vorerkrankungen, Tiere.

Ich weiß: Ein Verbot löst nicht alles. Es wird weiterhin Unfälle geben. Es wird weiterhin illegale Böller geben. Aber weniger Verfügbarkeit bedeutet meistens auch: weniger Verletzte. Und jede vermiedene Verbrennung, jede vermiedene Amputation, jedes vermiedene Trauma ist ein Gewinn – für Betroffene, Angehörige und alle, die in dieser Nacht helfen.

Mein Wunsch für dieses neue Jahr: ein Jahreswechsel, der nicht auf dem Rücken von Patient_innen und Einsatzkräften ausgetragen wird. Einer, an dem wir wirklich „gut ins neue Jahr“ starten – ohne Sirenen im Hintergrund.

Wenn ihr feiern wollt: feiert laut mit Musik, feiert mit Licht, feiert mit Menschen, die ihr liebt. Aber feiert so, dass niemand dafür im OP landet.

Kommt sicher ins neue Jahr.

26.10.2025

Wenn eine Stunde mehr auch nicht hilft

Zeitumstellung, Winterzeit & Bereitschaftsdienst

Zweimal im Jahr wird an der Uhr gedreht – und jedes Mal frage ich mich: Wem bringt das eigentlich noch was?
Gestern Nacht war es wieder so weit: Von Sommerzeit auf Winterzeit. Eine Stunde geschenkt – zumindest theoretisch. Praktisch bedeutete das für mich: statt 16 gleich 17 Stunden Bereitschaftsdienst. Herzlichen Glückwunsch.

Es gibt ja Menschen, die sagen: „Ach, ist doch super! Eine Stunde länger schlafen!“
Für alle, die im Krankenhaus arbeiten – und ganz besonders für diejenigen, die mitten in der Nacht aufstehen, beatmen, dokumentieren oder Patienten in den OP bringen – klingt das eher wie ein schlechter Witz.

Ich war also wieder mal im Dauereinsatz. Die Uhren sprangen zurück, mein Körper aber nicht. Diese eine Stunde „mehr“ fühlt sich im Dienst nicht wie ein Bonus an, sondern wie eine kleine, fiese Verlängerung, die man nicht bestellt hat. Der Kreislauf läuft auf Reserve, der Kaffee wirkt nur noch psychologisch, und irgendwo zwischen 3 und 4 Uhr nachts verliert man jedes Zeitgefühl.

Aber, und das ist der kleine Lichtblick: Dieses Mal habe ich tatsächlich zwei Stunden Schlaf erwischt – statt wenn noch Sommerzeit wär, nur eine. Ein fast schon luxuriöses Verhältnis zwischen Realität und Wunschdenken. Zwei Stunden Tiefschlaf im Bereitschaftsdienst – klingt nach wenig, ist aber manchmal der Unterschied zwischen „Ich kann noch funktionieren“ und „Ich bin ein Zombie mit Puls“.

Und während draußen die Welt auf Winterzeit umstellt, stelle ich innerlich wieder auf „Durchhalten“ um. Es ist ein seltsamer Rhythmus, den man irgendwann fast lieben lernt. Irgendwie.

Zumindest bis zur nächsten Zeitumstellung.

29.09.2025

Urlaub – warum er für mich so wichtig ist

Urlaub bedeutet für mich weit mehr als nur ein paar freie Tage. In meinem Beruf als Anästhesiepfleger und in meiner Rolle als Hauptpraxisanleiter erlebe ich täglich, wie viel Konzentration, Verantwortung und auch emotionale Stärke notwendig sind. Jede Narkose, jeder Einsatz im OP oder auf der Intensivstation fordert volle Aufmerksamkeit. Dazu kommt die Begleitung von Auszubildenden, das Vermitteln von Wissen, die Organisation von Einsätzen – kurz: ein Arbeitsalltag, der viel Energie kostet und wenig Raum für Pausen lässt.

Gerade in solchen Berufen ist es wichtig, bewusst Abstand zu gewinnen. Urlaub ist für mich ein geschützter Raum, in dem ich wieder durchatmen kann. Er hilft mir, aus dem permanenten „Funktionieren“ herauszukommen und mich zu fragen: Wie geht es mir eigentlich? Was tut mir gut? Oft merke ich erst dann, wie erschöpft ich wirklich war.

Ich habe gelernt, dass Erholung für jeden anders aussieht. Manchmal brauche ich Reisen, das Entdecken neuer Orte, andere Kulturen, fremdes Essen. Ein anderes Mal ist es genau das Gegenteil: zu Hause bleiben, ausschlafen, nichts planen, einfach die Stille genießen. Beides hat für mich denselben Wert – es lädt meine Batterien auf.

Urlaub ist für mich aber auch ein Perspektivwechsel. Ich komme aus der Routine heraus, sehe meinen Beruf mit etwas Abstand und merke, was mir daran besonders wichtig ist. Nach einer Auszeit kehre ich oft mit neuen Ideen zurück: Wie kann ich meine Auszubildenden noch besser begleiten? Welche Projekte möchte ich starten? Welche Themen möchte ich in meinem Podcast ansprechen? Diese Klarheit entsteht selten zwischen zwei Frühdiensten, sondern in den Momenten, in denen ich frei habe und meinen Kopf nicht voll mit To-do-Listen habe.

Natürlich wäre es schön, wenn man immer lange Reisen machen könnte. Aber auch kleine Pausen zwischendurch – ein freier Tag ohne Diensthandy, ein Ausflug ins Grüne, ein gutes Buch – wirken wie ein Mini-Urlaub. Ich versuche, mir diese Momente auch im Alltag zu gönnen, weil ich weiß, wie sehr sie mich tragen.

Für mich ist Urlaub kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Er erinnert mich daran, dass ich nicht nur Pfleger, Anleiter oder Podcaster bin, sondern auch einfach Mensch. Und genau dieser Mensch darf sich erholen, Kraft sammeln und mit neuer Energie zurückkommen.

26.08.2025

Zurück im OP – der erste Tag nach dem Urlaub

Der erste Tag nach dem Urlaub ist immer ein besonderer. Der Kopf steckt noch halb im Strandmodus oder in den Erinnerungen an lange Sommertage, und plötzlich steht man wieder im Kasack auf der Schleuse – bereit für den Alltag in der Anästhesiepflege.

Schon beim Betreten des OP-Bereichs riecht und klingt alles so vertraut: das leise Piepen der Monitore, das Surren der Absaugung, die Gespräche zwischen Chirurgie, Pflege und Anästhesie. Gleichzeitig fühlt sich alles ein wenig ungewohnt an, fast so, als würde man einen bekannten Film noch einmal von vorne sehen.

Der erste Blick in den Dienstplan zeigt: Es geht gleich wieder richtig los. Zwei große Eingriffe und einen Azubi im ersten Ausbildungsjahr an meiner Seite. Kaum Zeit zum Ankommen – aber genau das macht unseren Beruf aus: flexibel sein, präsent sein, da sein.

Was auffällt, wenn man ein paar Wochen raus war: wie eingespielt das Team arbeitet. Jeder Handgriff sitzt, jeder Blick genügt. Man selbst muss erst wieder „hineinfinden“, die Abläufe abrufen, sich auf das Tempo einlassen. Nach der ersten Narkose merkt man aber: Die Routine ist nicht verloren, sie war nur kurz im Hintergrund.

Besonders schön ist das Wiedersehen mit den Kolleginnen und Kollegen. Ein paar Urlaubsanekdoten werden ausgetauscht, es wird gelacht, und doch ist schnell klar: Jetzt sind wir wieder mitten im Alltag – mit all seiner Verantwortung.

Am Ende des Tages bleibt ein Gefühl von Dankbarkeit. Dankbar für die Pause, die Abstand und neue Energie gebracht hat. Und dankbar dafür, wieder Teil dieses besonderen Arbeitsumfelds zu sein, in dem Professionalität, Vertrauen und Teamgeist Hand in Hand gehen.

Der Urlaub mag vorbei sein – aber das gute Gefühl, einen Unterschied im Leben von Patientinnen und Patienten zu machen, ist zurück.

03.07.2025

Bereitschaftsdienst in der Anästhesie – Wenn jede Minute zählt

Der gestrige Bereitschaftsdienst in der Anästhesie war einer dieser Dienste, die man so schnell nicht vergisst. Es war kein klassisches Massenanfall-Szenario, keine Alarmierung über Katastrophenschutz oder Großschadenslage – und doch kam es uns genau so vor. Über den Tag verteilt trafen immer wieder verletzte Menschen in unserem Krankenhaus ein. Allein, zu zweit, aufgeregt, verwirrt oder bewusstlos. Vom acht Wochen alten Säugling bis zur hundertjährigen Dame – jeder brachte nicht nur Verletzungen mit, sondern auch seine ganz eigene Geschichte.

Die Einsatzfrequenz war hoch, die Anspannung durchgehend spürbar. Unsere Anästhesiepflege, die Ärzt*innen und das gesamte OP-Team arbeiteten im fliegenden Wechsel. Jeder Eingriff bedeutete eine neue Situation, eine andere Herausforderung: Auf die Details des Verletzungsmusters kann und darf ich nicht eingehen.

Was uns alle verbunden hat: das Wissen, dass hinter jeder dieser Verletzungen ein Mensch steht – mit Ängsten, Angehörigen und Hoffnungen. In der Anästhesie sind wir mittendrin. Zwischen Schmerz und Erleichterung, zwischen Angst und Aufklärung, zwischen Sedierung und Erwachen.

Solche Dienste zeigen uns, warum ich diesen Beruf gewählt habe: Weil ich helfen kann, wenn Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Weil ich nicht nur Körper versorge, sondern Menschen begegne. Und weil jeder Einsatz zählt – ob es der erste in einem jungen Leben ist oder vielleicht der letzte in einem langen.

Ein Dienst, viele Geschichten. Und jede einzelne hat uns berührt.

27.06.2025

Warum ich den Studiengang „Interprofessionelle Gesundheitsversorgung – online“ an der ASH Berlin gewählt habe

In meinem beruflichen Alltag – geprägt von der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Berufsgruppen im Gesundheitswesen – wurde mir immer klarer: Gute Versorgung ist Teamarbeit. Doch genau diese Zusammenarbeit ist oft schwieriger, als sie sein müsste. Unterschiedliche Berufsrollen, Kommunikationsstile und ein fehlendes gemeinsames Verständnis von Versorgung erschweren die tägliche Praxis. Ich wollte nicht nur mit anderen Berufsgruppen arbeiten – ich wollte verstehen, wie wir besser zusammenarbeiten können.

Und genau an diesem Punkt bin ich auf den Studiengang „Interprofessionelle Gesundheitsversorgung – online“ der Alice Salomon Hochschule Berlin gestoßen.

Was den Studiengang so besonders macht

Was mich sofort angesprochen hat, war das interprofessionelle Konzept: Pflegefachpersonen, Therapeut:innen (z. B. Ergo-, Logo-, Physiotherapie), Hebammen, Notfallsanitäter:innen und viele andere kommen hier zusammen, um gemeinsam zu lernen – nicht übereinander, sondern miteinander.

Der Studiengang ist berufsbegleitend und findet größtenteils online statt, was für mich als berufstätige Person entscheidend war. Die Flexibilität ermöglicht es mir, Studium und Berufsalltag miteinander zu verbinden. Trotzdem fühlt es sich nicht anonym an: Die Lehrveranstaltungen sind interaktiv, es gibt Gruppenarbeiten, Diskussionsrunden, Peer-Learning und einen regelmäßigen Austausch mit den Lehrenden.

Was ich lerne – und was ich wirklich mitnehme

Im Studium geht es nicht einfach um Fachwissen, sondern um eine neue Haltung:

  • Ich lerne, berufsübergreifend zu denken,
  • die Perspektiven anderer Gesundheitsberufe wirklich zu verstehen,
  • und gemeinsame Lösungen für komplexe Versorgungssituationen zu entwickeln.

Themen wie Kommunikation, Ethik, Rollenverständnis, Versorgungsgestaltung, aber auch gesundheitspolitische Rahmenbedingungen stehen im Fokus. Ich merke immer wieder, wie sehr ich das Gelernte direkt in meinen beruflichen Alltag übertragen kann – sei es im Umgang mit Kolleg:innen aus anderen Professionen oder im Nachdenken über strukturelle Probleme in der Versorgung.

Warum wir mehr Interprofessionalität brauchen

Wir alle erleben täglich, wie komplex die Gesundheitsversorgung geworden ist – gerade im Krankenhaus, in der ambulanten Versorgung oder im Reha-Bereich. Kein Beruf kann diese Herausforderungen allein stemmen. Doch echte Zusammenarbeit gelingt nicht automatisch – sie muss gelernt und geübt werden.

Der IGo-Studiengang leistet hier einen wertvollen Beitrag. Er stärkt die Fähigkeit, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, Grenzen zu respektieren und trotzdem verzahnt zu arbeiten – im Sinne der Patient:innen.

Mein Fazit

Für mich ist dieses Studium ein echter Perspektivwechsel. Es erweitert nicht nur mein berufliches Wissen, sondern auch mein Verständnis für Teamarbeit, Versorgungsgerechtigkeit und die gemeinsame Zukunft im Gesundheitswesen.

Wenn du also in einem Gesundheitsberuf arbeitest und das Gefühl hast, dass „mehr Zusammenarbeit“ mehr braucht als guten Willen – dann kann ich dir diesen Studiengang von Herzen empfehlen.

Du willst mehr erfahren?


Dann schau auf der Seite der Alice Salomon Hochschule vorbei oder hör in unsere Podcastfolge mit Prof. Dr. Heidi Höppner rein – dort sprechen wir über die Idee, die Vision und die Realität interprofessioneller Gesundheitsversorgung im Studium. (Die Folge ist ab dem 4.7.25 online)

29.05.2025

Ein Arbeitstag an Christi Himmelfahrt – Anästhesiepflege zwischen Ausnahmezustand und Routine

Christi Himmelfahrt. Für viele bedeutet dieser Tag ein verlängertes Wochenende, vielleicht sogar eine kleine Auszeit mit Freunden oder Familie. Für uns im Krankenhaus ist es – wie so oft an Feiertagen – ein Tag wie jeder andere. Oder eher: ein Tag, der oft noch fordernder ist als die gewöhnlichen.

Ich betrete den OP-Bereich am frühen Nachmittag. Es ist ruhig auf den Gängen, draußen sind mir schon einige angetrunkene Herren entgegen gekommen als ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Die Anästhesieabteilung wirkt wie immer strukturiert – und doch liegt eine besondere Stimmung in der Luft. Der Feiertagsdienst ist kleiner besetzt, viele Kolleg:innen haben  frei. Die verbleibenden übernehmen mehr Verantwortung, mehr Patienten, mehr Aufgaben. Wir kennen das. Und trotzdem: Es fordert uns jedes Mal heraus.

Zwischen den Eingriffen gibt es wenig Zeit zum Durchatmen. Die geplanten Operationen sind überschaubar – dafür bringt die Notaufnahme laufend neue Fälle. Feiertage scheinen Verletzungen und Komplikationen nicht zu kennen. Unsere Flexibilität ist gefragt, ständig neue Prioritäten setzen, umplanen, reagieren.

Trotz der Intensität und des Tempos bleibt der Umgang im Team respektvoll und konzentriert. Das ist es, was mir Kraft gibt: das gegenseitige Vertrauen, der kurze, ehrliche Blick über die Maske hinweg, das unausgesprochene „Ich bin da – du auch?“. In der Anästhesiepflege arbeiten wir oft im Hintergrund, doch gerade an solchen Tagen spüren wir, wie entscheidend unser Beitrag ist.

Als der Dienst sich nach 16 Stunden dem Ende zuneigt, schmerzt der Rücken, der Kopf ist müde. Aber in mir bleibt ein Gefühl von Sinnhaftigkeit. Auch wenn heute kein freier Tag war – ich habe Leben unterstützt, Ängste genommen, Stabilität gegeben. Christi Himmelfahrt war kein Feiertag – aber ein Tag, der wieder einmal gezeigt hat, wie wertvoll und unverzichtbar unsere Arbeit ist.

Und morgen? Geht es weiter, oder vielleicht doch erst am Montag…